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Früherer und Zeitgenössischer Sinn und Begriff von Weisheit

Trotz seiner enormen Bedeutung für die Philosophie der griechischen und römischen Antike ist Weisheit als ein Wissen und Lebensführung umfassendes Leitkonzept mit dem Ende des 18. Jahrhunderts aufgegeben worden.[1] Im Bereich der Erkenntnistheorie wurde es durch andere Begriffe wie den der Rechtfertigung, der Wahrheit oder des Verstehens verdrängt. Das Idealbild des Weisen – bei Platon und den Stoikern der Philosoph als eine umfassend gebildete, mit sicherem Wissen ausgestattete, affektkontrollierte, prudentiell richtig entscheidende, moralisch angemessen handelnde und in der gelingenden Lebensführung vorbildliche Persönlichkeit – hat anscheinend an Bedeutung verloren. Die Gründe dafür liegen nicht in dem angeblich bloß fiktiven Charakter dieses Idealbilds, sondern in der Uneinlösbarkeit gerade seiner epistemischen Anforderungen unter den Bedingungen einer immer rasanteren Ausdifferenzierung von Wissenschaft, Wirtschaft, Bildung und Kultur.

Die normative Kraft, die es in der Antike als Ziel der Wissens- und Persönlichkeitsentwicklung entfaltete, besitzt das Weisheitskonzept nämlich immer noch, wie die aktuelle kleine Renaissance des Weisheitsbegriffs zeigt. Verschiedene Ansätze in der Psychologie und in den Erziehungswissenschaften beispielsweise lassen erkennen, dass Weisheit auch unter dem Druck einer immer komplexer werdenden Wissensgesellschaft noch normativ wirksam ist. Der Bildungsauftrag von Universitäten – nachzulesen in vielen Rahmenvorgaben und Studienordnungen – beschränkt sich nicht mehr ausschließlich auf die Vermittlung von Expertenwissen und fachspezifischen Fertigkeiten. Vielleicht als Reaktion auf Übertreibungen der Bologna-Reform oder in direkter Rückbesinnung auf alte Humboldtsche Ideale soll Studierenden die Möglichkeit geboten werden, Persönlichkeitsmerkmale auszubilden, die sie dazu befähigen, sich langfristig in dieser Wissensgesellschaft zurechtzufinden, den Wert und die Relevanz von Informationen einzuschätzen, Themen aus verschiedenen Wissensbereichen aufeinander zu beziehen und in ihrem Handeln zu integrieren. Psychologie und empirische Sozialforschung haben erkannt, dass es genau das Weisheitskonzept ist, das für diese Anforderungen allererst die begrifflichen Grundlagen bereitstellt.[2]

Diese begrifflichen Grundlagen sind freilich nicht einfach durch eine Repristination historischer Weisheitskonzepte zu gewinnen; sie müssen unter den veränderten epistemischen Bedingungen neu erarbeitet werden. Dass diese Aufgabe trotz der Verpflichtung, welche die Philosophie schon im Namen mit sich führt, noch nicht systematisch in Angriff genommen wurde, ist äußerst erstaunlich. Die Tagung will einen ersten Anstoß geben, diese Aufgabe wieder ernst zu nehmen.

[1] Noch Kant hat die Philosophie beim Namen genommen und sie in direktem Bezug auf die antiken Weisheitslehren als Wissenschaft der Weisheit im Sinne des „höchsten Guts“ definiert (KpV, AA 5, 108); die nachfolgende Philosophie hat diese Leitfunktion des Weisheitskonzepts nicht übernommen (vgl. Art. Weisheit im Hist. Wb. Philos 12, Sp. 393).

[2] Belege finden sich beispielsweise in Ardelt 2004; Baltes & Kunzmann 2003, 2005; Bluck & Glück 2005; Kunzmann & Thomas 2014; Scheibe, Kunzmann & Baltes 2009; Montgomery et al. 2002; sowie in Sternberg 2008, 2005. Mit Blick auf die Erziehungswissenschaften wären z.B. Lehrer et al. 1996; Sternberg 2009; sowie Ferrari & Potworowski 2009 zu nennen.